Unfuck My Future

How to Live Together in Europe
17. August 2019, FAZ-Beilage

Die Bedrohung von Freiräumen nimmt zu, ebenso der Protest dagegen. Aber wie kann die Zivilgesellschaft, können Stiftungen und Kulturinstitutionen diesen Protest unterstützen?

Ein Gastbeitrag von Esra Küçük, Feray Halil und Nino Klingler

Wir schreiben das Jahr 2019. In Italien, immerhin ein Gründungsmitglied der Europäischen Union, wird eine Kapitänin verhaftet, weil sie Geflüchtete vor dem Ertrinken rettet. In Ungarn wird die Open Society Foundation aus dem Land gehetzt. In der Türkei wird lebenslange Haft für den Kulturstiftungschef Osman Kavala gefordert, nach eineinhalb Jahren im Hochsicherheitstrakt wird ihm der Prozess gemacht. Gleichzeitig werden Künstlerkollektive in Deutschland vom Verfassungsschutz überwacht, und eine demokratisch gewählte Partei fragt neuerdings die Nationalitäten von Theatermitarbeiterinnen und -mitarbeitern ab. Shrinking spaces, die Erfahrung, dass kulturelle (Frei-)Räume immer enger werden, ist ein Fakt. Auch hier in Deutschland.

Inmitten dieser dystopisch anmutenden Gemengelage erleben wir zur gleichen Zeit Protestbewegungen, die sich auf den Weg machen: Fridays for Future mischt die Klimadebatte auf. Eine EU-Gesetzesnovelle zum Urheberrecht treibt die Jugend mit den devices in den public space. Eine immer größer werdende Initiative von Künstlerinnen und Künstlern unter dem Titel „Die Vielen“ protestiert mit glänzenden Fahnen für mehr Toleranz und Kunstfreiheit. Rezo sowie andere Akteure und Akteurinnen aus dem Youtube- und Blog-Umfeld verwirren die Parteienlandschaft. Die oft beschworene „Straße“ ist physisch wie virtuell wieder sichtbar. Man hat den Eindruck, ihre Anliegen speisen sich aus der Zukunft. Sie wollen die Aufgabe alter Gewohnheiten und die notwendige Umgestaltung politischer, gesellschaftlicher und kultureller Verhältnisse, um den Herausforderungen von morgen mit den Mitteln von übermorgen zu begegnen – und zwar heute.

Ganz zentral geht es auch um einen Generationenkonflikt. Und dabei steht viel auf dem Spiel: All jene, die die Politik Europas maßgeblich durch Ämter, Einfluss und Stimmen entscheiden, können irreparablen Schaden anrichten und Zukunftsperspektiven verbauen. In deutlicher Weise kam diese Bruchlinie beim Brexit-Referendum zum Vorschein, einem Prozess, in dem ältere Generationen die jüngeren überstimmt und den EU-Austritt Großbritanniens entschieden haben.

Sollte man also die Alten nicht mehr wählen lassen, wie es die Satiriker von Die Partei jüngst mit ihrer „Letztwähler-Kampagne“ forderten? Eine Problemlage wird durch solche Provokationen zumindest sichtbar. In der Tat bleibt die Frage: Wer kümmert sich wirklich um die Belange zukünftiger Generationen, die meist jenseits der Institutionen formuliert werden? Politiker sind nur für wenige Jahre gewählt und planen deshalb oft nur bis zum nächsten Wahl Wahlkampf. Es ist spannend, zu beobachten, dass der Protest diesmal nicht aus den Hochschulen hervor ging. Studierende fungierten lange als Radar für gesellschaftliche Missstände und formten oftmals die Speerspitze für deren Überwindung. Heute übernehmen diese Rolle Schülerinnen und Schüler, Youtuberinnen und Youtuber und informelle Kollektive.
Die Proteste entwickeln sich also in einem Feld fern der klassischen institutionalisierten Zivilgesellschaft, zu der auch Stiftungen gehören, die Ressourcen und Kapazitäten für längerfristiges Engagement hätten. Doch solche Institutionen tun sich bisher schwer im Umgang mit jungen, nicht-institutionalisierten zivilgesellschaftlichen Akteuren. Woran liegt das?

Jeder wahrhaft bewegende Protest trägt in sich ein disruptives Element, das sich schwerlich institutionalisieren lässt. Erst als die Schülerinnen und Schüler freitags die Schule schwänzten, hörte man ihnen zu. Der Regelbruch muss empörend bleiben, damit er wirkt, damit man sich daran reibt, damit man merkt, dass etwas auf dem Spiel steht. Arbeitet der institutionalisierte Sektor auch an einem Äquivalent? Oder haben wir – also: die, die wir in Kulturinstitutionen und Stiftungen arbeiten und wirken – da etwas verschlafen? Wie können wir die Impulse aus dem nicht-institutionalisierten Raum besser aufnehmen und in unsere Wirkungsfelder übertragen?

Wir Stiftungsvertreterinnen und -vertreter der institutionalisierten Zivilgesellschaft müssen sehen, dass wir nicht nur – und das bleibt essenziell – im doppelten Sinne alte Räume liberaler Freiheiten verteidigen, also zu konservieren versuchen. Wir müssen vielmehr auch neue zivile Streiträume erschließen. Wir sollten zukünftig Bewahrung und Disruption zusammen denken können, sollten Neues anbieten und zugleich Altes verteidigen, um den tiefgreifenden Wandel, der unsere Gesellschaften ergriffen hat, adäquat zu unterstützen. Wir brauchen einen neuen Mut zur Irritation, der mit diesen Prozessen einhergeht.

Das fängt bei einer kritischen Selbstüberprüfung an, die jede Institution für sich leisten muss. Für die Arbeit einer gemeinnützigen Stiftung heißt das zum Beispiel konkret: Wie können wir Antragsprozesse für die Sprache und Techniken der Anliegen von morgen öffnen? Wie können wir die, die wir erreichen wollen, auch an den Entscheidungsprozessen teilhaben lassen? Wie können wir den Regelbruch institutionalisieren? Wie mutig müssen wir dabei sein? Was sagen diejenigen über uns aus, die in unseren Programmen und unserem Denken überhaupt nicht vorkommen? Aktuell denken wir darüber nach. Und das macht Spaß. Denn Dinge sind in Bewegung, die uns dazu auffordern, über unsere Ziele als Gesellschaft zu streiten. Nur so können wir gemeinsam Zukunft formulieren.