Salon trifft Agora

© Edi Matić 

Die Küsten dreier Kontinente, die das Mittelmeer umranden, sind von Spannungen, Migrationen und Umweltkatastrophen gezeichnet. SpLitera aus Kroatien und Fokalizator aus Montenegro wollen auf Krisen am Mittelmeer und diverse europäische Perspektiven verweisen, um Räume für Projekte und Diskussionen zu öffnen.

Das Leben am Mittelmeer, jenseits der Glanzbroschüren der Reiseveranstalter, ist heute von politischen, ethnischen und religiösen Spannungen, von Migration und von Arbeitslosigkeit, von klimatischen Veränderungen und Sorgen um die Zukunft gezeichnet. Das Projekt will in den beiden benachbarten Ländern Kroatien und Montenegro, die vor dreißig Jahren unter kriegerischen Auseinandersetzungen gelitten haben, und zwischen welchen heute die EU-Grenze verläuft, diese Themen aufgreifen und diskutieren. In der Zeitschrift Fokalizator werden dazu Texte veröffentlicht, die in Kroatien und Montenegro vorgestellt werden.

Das Projekt beruft sich auf die Tradition der europäischen literarischen Salons, etwa der Berliner oder der Pariser Salons. In den Salons wurde gelesen, musiziert und diskutiert, diese produktive Atmosphäre soll wiederbelebt werden. Während die Salons im Norden und Westen Europas florierten, wo es im Winter kalt war und die Menschen sich in geschlossenen Räumen versammelten, um sich zu unterhalten, zu lesen, zu diskutieren und zu musizieren, stand am Mittelmeer der Platz (Pjaca in Split, Agora, Forum) als typischer Ort zur Verfügung, an dem sich Menschen unterhalten, diskutieren, feiern oder singen. Das Projekt will an diese Tradition anknüpfen und gemeinsam mit Schriftsteller*innen und Künstler*innen sowie mit Expert*innen aus Wissenschaft, Wirtschaft, aus der Zivilgesellschaft und den Medien über Ideen und Visionen für eine friedliche und perspektivenreiche Zukunft des Mittelmeers nachdenken.

Das Mittelmeer, einst „Wiege der europäischen Kultur“ ist heute eine problematische, ja fast neuralgische Region. An den Schnittstellen der drei Kontinente werden Grenzzäune errichtet. An den südlichen und östlichen Küsten gibt es demographische und klimatische Probleme, Kriege und Armut, an den nördlichen herrschen häufig Mafia, Korruption, Desorganisation, Umweltprobleme und eine kommerzielle Ausbeutung der Ressourcen. Die Bevölkerung der touristischen Gebiete wird in Kellner und Zimmermädchen der jeweiligen „Ressorts“ verwandelt; die einstigen Philosophen, Künstler, Erfinder, Seefahrer und Händler, die den Inbegriff der mediterranen Kultur prägten, sind ausgestorben oder nach Norden ausgewandert. Im Norden Europas gibt es für diese Probleme wenig Verständnis – allzu schön ist der Traum von Arkadien, der tief in den „Grand Tour“-Kulturen verankert ist. Die Kreuzfahrtschiffe, für die in den einst berühmten Mittelmeerhäfen billige Arbeitskräfte angeheuert werden, kreuzen heute die Routen der Flüchtlinge – um sie herum das Meer, an dessen Küsten geschichtsträchtige Landschaften liegen, die ökologisch bedroht sind.
Mit diesem Projekt soll die europäische Öffentlichkeit eingeladen werden, über die komplexe Situation vor Ort nachzudenken, gemeinsam soll auch der Reichtum des Mittelmeers künstlerisch und intellektuell reflektiert werden, ohne dabei die Augen vor den Problemen, die am Mittelmeer herrschen, zu schließen.