Rhinozeros

Europa im Übergang
© Tim Ottenstein
Europa befindet sich im Übergang. Es sieht sich heute provinzialisiert und muss seine Bezüge zur Welt neu begründen. Der Rhinozeros-Salon bringt die Akteure einer offenen Gesellschaft ins Gespräch: Gegen identitäre Politiken setzt er auf Anerkennung, Übersetzung und Welthaltigkeit. Ein Berliner Salon der Konvivenz.

Der Rhinozeros-Salon präsentiert die gleichnamige Jahresschrift Rhinozeros – Europa im Übergang und nimmt in Diskussion, Konzerten, Film und Lesung ihren ersten Gegenstand in den Blick: „reparieren“.
Es kann nämlich erst dann sinnvoll über das Zusammenleben in einer geteilten Welt nachgedacht werden, wenn die Frage nach historischen Bedingungen und aktuellen Praktiken des Reparierens einer beschädigten Welt gestellt worden ist. Was sind die Möglichkeiten und Grenzen historischer Reparation? Dürfen Diskurse der Schuld zusammengeführt werden? Kann Kunst reparieren? Wer kann überhaupt gesellschaftlich reparieren? Und wie gehen wir mit Brüchen um, die nicht reparabel sind?
Am 8. Oktober 2020 fand der erste Rhinozeros-Salon im Haus der Kulturen der Welt statt. Trickster Acoustic erprobte gemeinsam mit der Autorin Adania Shibli die Möglichkeit, mit Musik zu reparieren. Marion Detjen, Emily Dische-Becker und Wolfgang Kaleck eröffneten eine Debatte über die juristischen und historischen Bedingungen von Reparation. Der Schriftsteller Camille de Toledo und die Übersetzerin Karin Uttendörfer näherten sich in einer Lesung dem Thema des Abends. Den Biologen und Philosophen Cord Riechelmann fragte Rhinozeros, wie man Natur repariert.

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Wie das Zusammenleben in einer geteilten Welt gestalten, ohne zuvor nach der beschädigten zu fragen? Das Rhinozeros ist gewiss ein merkwürdiges Mitglied der Weltgemeinschaft des Lebendigen: dickhäutig und widerständig, wohlgenährt und standsicher könnte es zuversichtlich in die Zukunft blicken. Aber das ist es nun gerade: Seine Sicht ist extrem eingeschränkt. Daher seine Reizbarkeit. Das Nashorn ist ein Emblem Europas. Seit der Antike war es mit imperialer Macht verbunden: als Wappentier, kostbares Geschenk unter Potentaten und Zentrum von Schaulust. Doch Horn und Panzerung, Relikte eines Urviechs, sind ein schweres Erbe. Sie verleihen keine Gewissheit mehr. Als Scheinriese sucht das Rhinozeros seinen Platz in der Gegenwart. Es wird Gewicht abgeben und sich neu im Zusammenleben bewähren müssen. Sein sensibles Ohr nah an den Zeitläuften zu haben, darauf kommt es an. Denn auf dem allzeit brüchigen Boden der Geschichte stellt sich die Frage: Unter welchen Bedingungen kann ein halbblinder Mehrtonner den Übergang wagen?
Die Jahresschift Rhinozeros. Europa im Übergang erscheint zu wechselnden Themen einmal jährlich bei Matthes & Seitz, Berlin. 
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