Rhinozeros

Europa im Übergang
© Rhinozeros

Europa befindet sich im Übergang. Es sieht sich heute provinzialisiert und muss seine Bezüge zur Welt neu begründen. Der Rhinozeros-Salon bringt die Akteure einer offenen Gesellschaft ins Gespräch: Gegen identitäre Politiken setzt er auf Anerkennung, Übersetzung und Welthaltigkeit. Ein Berliner Salon der Konvivenz.

Das Rhinozeros ist gewiss ein merkwürdiges Mitglied der Weltgemeinschaft des Lebendigen. Äußerst wohlgenährt und standsicher, könnte es zuversichtlich in die Zukunft schauen. Aber das ist es nun gerade: Seine Sicht ist extrem eingeschränkt. Vielleicht rühren daher sein Misstrauen und seine Reizbarkeit. Das massive Horn und die schwere Panzerung jedenfalls, die aus der Tiefe der Zeit herrühren, sind überkommen und verleihen kaum Gewissheit. So steht der hochsensible Scheinriese tragisch in der Gegenwart. Auch historisch kommt das Rhinozeros nicht eben leichtfüßig daher. Bereits die römischen Kaiser besaßen Nashörner als Ausdruck ihrer Weltherrschaft, wovon sizilianische Mosaiken zeugen. Als der portugiesische König Manuel I. im Jahr 1515 ein aus Goa importiertes Panzernashorn zur Ehrerbietung an Papst Leo X. nach Rom sendet, steht das tolle Tier erneut für den imperialen Anspruch Europas. Nach einem Kurzaufenthalt auf der Gefängnisinsel Château d’If vor Marseille versinkt die ganze Mission – und mit ihr das arme Biest – vor der genuesischen Küste.
In Lissabon waren allerdings bereits zuvor Skizzen und Beschreibungen angefertigt worden. Auf diese stützt sich Dürer, als er seinen weltberühmten Holzschnitt schneiden ließ und so eine Epoche früh ins Bild setzt: den europäischen Universalismus.
Das Rhinozeros ist ein Emblem. Es steht für Europa und die Erkenntnis, dass seine Beziehung zur Welt zu überdenken ist. In der Schlusseinstellung von Federico Fellinis Schiff der Träume (1983) schaukelt es nach dem Untergang einer europäischen Schiffsgesellschaft im Rettungsboot auf hoher See: Gemeinsam mit einem überlebenden Journalisten blickt es einer unbestimmten Zukunft entgegen. Eine neue Weltordnung zeichnet sich ab, in der es Gewicht abgeben und sich im Zusammenleben erproben muss. Auf dem brüchigen Boden der Geschichte stellt sich so die Frage: Unter welchen Voraussetzungen kann ein halbblinder Mehrtonner den Übergang wagen?

Dies lotet der Rhinozeros-Salon am 8. Oktober 2020 im Haus der Kulturen der Welt mit Kunst, Diskussion und Aktion aus. Er präsentiert die Jahresschrift Rhinozeros – Europa im Übergang (Matthes & Seitz) und bewegt ihren ersten Gegenstand: „reparieren“. Es kann nämlich erst dann sinnvoll über Zusammenleben in einer geteilten Welt nachgedacht werden, wenn die Frage nach historischen Bedingungen und aktuellen Praktiken des Reparierens einer beschädigten Welt gestellt worden ist. Was sind die Möglichkeiten und Grenzen historischer Reparation? Was kostet der Kolonialismus? Dürfen Diskurse der Schuld zusammengeführt werden? Kann Kunst reparieren? Wer kann überhaupt gesellschaftlich reparieren? Und wie gehen wir mit Brüchen um, die nicht reparabel sind?

8. Oktober 2020

Haus der Kulturen der Welt, Berlin