Learning Plays – A School of Schools

Eine Zusammenkunft alternativer Akademien, Schulen und Universitäten im Rahmen des Impulse Theater Festivals 2016

Anstatt noch eine weitere Methodik für noch eine weitere Sommerakademie zu erfinden, hat Learning Plays vier beispielhafte Initiativen eingeladen, ihre Praxis durch praktische Anwendung zu teilen. Was sind die Möglichkeiten und die Pflichten von Kunst, Aktivismus, Theorie und Theater in einer politisch und sozial sich immer mehr zuspitzenden Zeit? Welche organischen intellektuellen Praktiken werden gelebt?

Vier von Künstlern initiierte Plattformen für Wissensproduktion und -austausch hatten ihren Sitz für eine Woche nach Mülheim an der Ruhr verlagert: Chto Delat – School of Engaged Art (St. Petersburg); PAF – Performing Arts Forum (St. Erme); The Silent University (Athen, Amman, Hamburg, London, Mülheim, Stockholm) & Vierte Welt Kollaborationen (Berlin).

Der Begriff „Learning Plays“ bezieht sich einerseits auf die Tradition alternativer erzieherischer Ansätze – seien es die Jugend- und Reformbewegungen der 1910er, Paulo Freires Konzept der Pädagogik der Freiheit in den 1970ern oder Gayatri Chakravorty Spivaks aktueller Ansatz ästhetischer Erziehung – und verweist andererseits auf Bertolt Brechts Lehrstück-Theorie: die Idee eines Theaters ohne Trennung zwischen Publikum und Schauspielern, eine agonistische Gruppensituation, in der man lernt, politische Realitäten zu verstehen und entsprechend zu handeln. Auf unterschiedliche Weisen haben alle vier eingeladenen Initiativen eigene performative Modelle von Wissensproduktion und -transfer entwickelt – und sind gleichzeitig tief in die Auseinandersetzung mit der gegenwärtigen politischen Wirklichkeit involviert.

Während sich die Silent University mit verschiedenen Formaten an Flüchtlinge und Emigranten aus der Region wandte, hatten die School of Engaged Art, PAF und die Vierte Welt Studierende, junge Berufstätige und alle anderen eingeladen, die an kollaborativen Arbeitssituationen interessiert sind. Im Anschluss an den sechstägigen Workshop fand eine eintägige Konferenz statt.

Impulse Theater Festival 2016 | Clip 3

© Impulse Theater Festival

Workshops

Chto Delat – School of Engaged Art
Was bedeutet heute sozialistische Kunst?

Die School of Engaged Art (St. Petersburg) wurde 2012 von Chto Delat gegründet, einem Arbeitskollektiv von Künstlern, Kritikern, Philosophen und Schreibenden, die das Ziel haben, politische Theorie, Kunst und Aktivismus als Werkzeug politischer und ziviler Mitwirkung einzufordern und neue Formen emanzipatorischer Erziehung durch Kunstpraxis neu zu betrachten. Die School of Engaged Art funktioniert als modulare Kunstschule, die in von reaktionärem Diskurs geprägten Zeiten mit den Möglichkeiten engagierter Kunstpraktiken experimentiert. 

Chto Delat ist für utopische Fragestellungen und das Thematisieren kommunistischer Vorstellungen und Sehnsüchte bekannt. Die School of Engaged Art untersucht künstlerische Arbeitsweisen, die in einer feindlichen Welt des Warenfetischismus operieren, aber gleichzeitig fundamental unterschiedlich strukturiert sind. Das ist dringlicher denn je, denn Kulturarbeiter sind wachsendem konservativen oder reaktionären Druck und der Instrumentalisierung ihres kreativen Potenzials nicht nur durch den Neo-Liberalismus ausgesetzt. Auf der anderen Seite gibt es Herausforderungen durch die Entwicklungen neuer populärer linker Bewegungen, die mutig fordern, nicht nur dringende ökonomische und soziale Probleme anzugehen, sondern auch eine neue Vision kultureller Politik (wie im Falle von Syriza oder Podemos) zu entwickeln, die für einen echten politischen Wandel nötig ist.

Der Frage „Was bedeutet heute sozialistische Kunst?“ wird durch die Entwicklung, Probe und Aufführung eines neuen Lehrstücks nachgegangen, während wir neue Definition sozialistischer Kunst suchen, ihre Traditionen betrachten und die Möglichkeiten einer praktischen Verwirklichung erkunden.

PAF – Performing Arts Forum
Weder Kultur noch Kunst

Mit Valeria Graziano, Vanessa Ohlraun & Mårten Spångberg

In dem Maße, in dem Wissen eine Ressource ist, impliziert es auch die Entstehung von Formen der Macht. Wie kann Wissen als eine Praxis verstanden werden, die ihre Zirkulation verändern und neue Arten des Engagements mit dem, was noch unbekannt ist, ermöglichen kann?

Wissen und Lernen sind eine Frage von Erschwinglichkeit und Investition: Sie sind in unserem gegenwärtigen ökonomischen System eng miteinander verbunden. Ist es genug, sich für alternative Formen von Lernen und Bildung zu engagieren – oder ist es notwendig, die Relation zwischen Leben und Wissen selbst zu überdenken; ganz zu schweigen von der Verbindung zwischen Wissen und Kultur, Kommunikation und Kunst?

Das von Jan Ritsema initiierte Performing Arts Forum (PAF) im französischen St. Erme hat sich in mehr als zehn Jahren als ein Knotenpunkt informeller Experimente im Bereich des Wissens, des Lernens und der Erziehung etabliert, inklusive unorthodoxer Formen der Verwaltung, des Engagements, der Aktivitäten und der Gemeinschaftsbildung. Der Workshop geht von den Erfahrungen mit PAF aus – ohne es repräsentieren oder rekonstruieren zu wollen. PAF ist der Kontext um gemeinsam über blockfreie Formen von Wissen zu reflektieren. Es ist der rote Faden, der die Interessen der drei WorkshopleiterInnen verknüpft. Gemeinsam wird in Seminaren, Diskussionen und mittels unterschiedlicher Praktiken die Schwelle zwischen Wissen und künstlerischer Aktivität überschritten – ein Graubereich, der in der heutigen semiokapitalistischen Gesellschaft besonders interessant ist.
Zu lernen bedeutet, sich in etablierte Strukturen ebenso zu integrieren wie sie niederzureißen. Gibt es alternative Möglichkeiten des Lernens, die Dichotomien wie Wissen und Nicht-Wissen umgehen und stattdessen einen erweiterten Begriff von Praxis ermöglichen?

Vierte Welt Kollaborationen

Die Vierte Welt ist eine offene Produktionsplattform von Künstlern, die für eine kollaborative Praxis eintreten und in der Theorie, Kunst und Politik, Philosophie und Aktion das Gespräch suchen. Für eine Woche verlegt sich die Vierte Welt von Berlin nach Mülheim, um für ein Theater nach dem Projekt und jenseits von Vermarktungszwängen zu arbeiten. Ganz konkret wird – anhand eines Textes des Philosophen Boyan Manchev, mit dem die Idee von Subjektivität neu erzählt wird – an einer Technik der kollaborativen Kunstpraxis und des selbstbestimmten Zusammenschlusses geprobt. Denn Kollaboration ist eine Tätigkeit – im Falle der Vierten Welt meist eine künstlerische Aneignung von politischer Philosophie im Schutzraum Kunst, um der unveränderlichen Wirklichkeit eine Alternative des Denkens anbieten zu können. Jenseits von akademischen Einschließungen und Verwertungskreisläufen geht es in dieser Suche darum, philosophische Entwürfe im performativen Raum für ein öffentliches Denken produktiv zu machen. Dabei dreht es sich nicht nur um eine neue ästhetische Praxis, sondern auch darum, neue Formen des (transnationalen) Gesprächs, aus der Performance heraus, zu entwickeln. Es geht darum, aus künstlerischen, performativen Formen eine Praxis der Kritik zu erfinden, die auf eine, sich in der Kritik zeitigende Wahrheit besteht und dabei versucht, deren Produktivkraft für eine emanzipatorische Transformation zu mobilisieren. 

The Silent University

Welche Form von Wissen lassen wir zu, wo sind die Grenzen des freien Austauschs? Die Silent University, ursprünglich vom kurdischen Künstler Ahmet Öğüt initiiert, ist eine autonome Plattform für Akademiker, die ihr Wissen und ihre Fertigkeiten als Lehrende nicht mehr teilen können, weil ihr Aufenthaltsstatus nicht sicher ist oder ihr akademischer Grad nicht anerkannt wird. Diese Universität von Flüchtlingen, Asylsuchenden oder Migranten reaktiviert das Wissen ihrer Mitglieder und macht den Prozess des Austauschs für alle Seiten zum Vorteil, indem sie alternative Währungen statt Geld oder freiwilliger Dienste anbietet. Diese Erkundungen sollen das Versagen des Systems sowie den Verlust von Fähigkeiten und Wissen sichtbar machen, den Menschen erleiden, wenn sie als Asylsuchende zum Schweigen gebracht werden. Die Silent University existiert in Hamburg, London, Mülheim/Ruhr und Stockholm. In Athen und Amman werden gerade Zweigstellen aufgebaut.

Während „Learning Plays“ werden Protagonisten aus allen Städten zum ersten Mal zusammenkommen, um die Prinzipien der Silent University zu diskutieren und Möglichkeiten zukünftiger Zusammenarbeit zu finden. Zusätzlich werden öffentliche Workshops, Vorlesungen und Seminare angeboten.